Einfach nur schlechte Kinderstube
March 23, 2006Heute hatte ich in der U-Bahn ein Erlebnis, das mich nachdenklich werden ließ. Hauptfiguren der kleinen Szene, die ich beobachten durfte, waren eine Gruppe von Jugendlichen und ein Mann mittleren Alters. Der Mann war schon eine Weile neben den Jugendlichen gestanden und hatte sich an einem Haltegriff, der von der Decke hing, festgehalten. Ein Mädchen entschloss sich plötzlich dazu, aufzustehen und suchte nach Halt, als der Zug unerwartet in eine Kurve fuhr. Sie griff nach der selben Schlaufe wie der Mann und die Blicke der beiden Personen trafen sich.
Der Mann reagierte nicht unwirsch, sondern im Gegenteil freundlich und erkundigte sich, ob das Mädchen vielleicht die Schlaufe weiterbenutzen wollte. Er würde sich an einer anderen festhalten. Das Mädchen lehnte ab, legte einen spöttischen Ton in ihre Stimme, imitierte die Worte des Mannes. Sie blickte in die Runde der anderen Jugendlichen, nach Anerkennung suchend.
Die Stimmung schlug um; plötzlich merkte ich Aggression in der Luft. Die Jugendlichen schaukelten sich gegenseitig auf, sahen den Mann immer wieder an, ließen offensichtlich freche Bemerkungen fallen, machten sich über den Mann lustig. Eine ziemlich normale Szene, möchte man meinen; immer wieder wird man Zeuge solcher Situationen. In der Gruppe werden selbst die schüchterndsten Menschen mutig und nicht zum ersten Mal erlebte ich aufsässige Jugendliche.
Ein Detail verlieh der Szene allerdings besondere Schärfe: die Jugendlichen hatten einen ausländischen Hintergrund und verständigten sich in einer Fremdsprache miteinander; der Mann konnte sie nicht verstehen und kroch in sich zusammen. Rundherum trafen wertende, abschätzige Blicke die Jugendlichen; auch die anderen Fahrgäste beteiligten sich auf ihre Art und Weise an dem Konflikt. Es wäre leicht möglich gewesen, dass sich einer zu Wort gemeldet hätte, der über “die Ausländer” hätte schimpfen wollen, der dafür wäre, “alle” wieder “nach Hause” zu schicken oder ähnliche Ideen gehabt hätte. Bevor es dazu kam, stiegen die Jugendlichen aber aus und die Sache war vorbei. Manche Fahrgäste warfen einander vielsagende Blicke zu oder begannen, sich miteinander über das Geschehene zu unterhalten.
Und mir wurde klar, wie leicht eine solche Situation es Menschen macht, diese für ihre merkwürdig-politischen Ansichten zu missbrauchen. Dabei ist doch klar, was hier passiert ist: die Jugendlichen hatten einfach nur eine schlechte Kinderstube. Es geht hier nicht um ein Aufeinanderprallen von Kulturen oder einen Inländer/Ausländer-Konflikt. Es geht hier einfach um ein paar schlecht erzogene Jugendliche, die sich über eine wichtige Grundregel des menschlichen Zusammenlebens hinweg gesetzt haben. Es ist meiner Ansicht nach extrem unhöflich, sich miteinander in einer Sprache zu unterhalten, die anwesende Dritte nicht verstehen können.
In der privaten Umgebung ist dies natürlich klarer zu definieren als im öffentlichen Raum. Aber in einem öffentlichen Verkehrsmittel wie der U-Bahn gibt es eben viele, nebeneinander existierende, Privatsphären. So werden die Russinnen, die sich miteinander auf Russisch unterhalten, kein Problem haben mit den Franzosen, die auf Französisch miteinander plaudern. Auch die Jugendlichen, die miteinander auf Türkisch oder Serbisch sprechen, werden anderen Fahrgästen nicht ins Gehege kommen. Die Sache sieht jedoch anders aus, wenn Dritte in ein Gespräch miteinbezogen werden und offensichtlich über sie gesprochen oder gar gelästert wird. Diese Dritten, die gleichzeitig mit abschätzigen Blicken bedacht werden und mit Kommentaren, die sie nicht verstehen, fühlen sich zu Recht unwohl und vielleicht sogar angegriffen. Aber es wäre grundfalsch, solch eine Situation zu einem weit reichenden Kulturkonflikt hochzuspielen. Denn alles, was diesen Jugendlichen fehlt, ist ein bisschen gutes Benehmen.